Kollektenprojekte 2010
Asylsuchende Mütter und Kinder in München
Auch im Jahr 2010 möchten wir die Initiative der Münchner EmK Gemeinde Peace Church unterstützen.
In der internationalen englischsprachigen Gemeinde treffen sich Christinnen und Christen aus mehr als 25 unterschiedlichen Nationen. Seit Sommer 2006 engagieren sich Gemeindemitglieder in der unterstützenden Begleitung von hochschwangeren Frauen und Mütter, die gerade entbunden haben und in Deutschland Asyl suchen. Die meisten von ihnen kommen aus Afrika (Nigeria, Sierra Leone, Kongo, Togo). Bei der Zuweisung und Verlegung von Asylsuchenden wird auf die gesundheitliche und familiäre Situation der Menschen keine Rücksicht genommen. Das führt dazu, dass hoch-schwangere Frauen wenige Tage oder Wochen vor der Entbindung von überall in der Republik noch nach München geschickt werden. Manche von ihnen kommen völlig alleine, ohne Gepäck, nur mit dem, was sie auf dem Leib haben, in München an. Hier kennen sie nichts und niemanden: keine Freundinnen, keine Klinik, keine Ärztin, keine Hebamme. Untergebracht sind sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung, die an mangelnder Hygiene und Schmutz alle unsere Vorstellungen übersteigt. Ein unerträglich langsames Mahlen der Bürokratiemühlen vergrößert die Not dieser Frauen. Diese werdenden und frischgebackenen Mütter brauchen alles: Freundinnen, Mutterersatz, Schwestern, Nahrung für sich und die Kinder, Kleidung, die passt, Ärztinnen, Hebammen, Erstausstattung für die Babys, Stillberatung, Begleitung auf endlosen Wegen durch die Ämter und Behörden und vieles andere mehr.
Durch das Engagement der Gemeinde konnte ein Netzwerk der Menschlichkeit aufgebaut werden und ein wachsender Kreis von Menschen betreut und begleitet die Asylsuchenden. Hausfrauen und Jugendliche, Taxifahrer, Manager, Hochschulprofessoren und Journalistinnen, Krankenschwestern und Hebammen, Ärztinnen und Apotheker, Erzieherinnen und Sozialarbeiter innen begleiten die Frauen in ganz unterschiedlicher Weise, die Fäden laufen dabei im Pastorat der Peace Church zusammen.
Die betroffenen Frauen lernen dadurch auch einander zu helfen, Misstrauen zu überwinden und Vertrauen zu wagen. Im Gemeindeleben vergeht kein Sonntag in der Kirche ohne neue Asylsuchende oder neu geborene Babys. Die ganze Gemeinde identifiziert sich mit dem, was die Initiativgruppe auf die Beine gestellt hat. Nur - das notwendige Geld für schnelle und unbürokratische Anschaffungen von Babykleidung, -nahrung, Milchpumpen, Medikamenten, Ämter- und Arztgebühren, Bettwäsche, Kinderwagen, Fahrkarten für die öffentlichen Verkehrsmittel in einer Großstadt, manchmal Arztrechnungen etc. fehlt fast immer.
Diese Arbeit zeigt noch einmal ganz neu, wo der Platz einer Gemeinde in dieser Gesellschaft sein kann. Sie schweißt untereinander zusammen, macht Gemeindeleute zu einer Gruppe, die sich stark fühlt und etwas bewegen kann.
Dies zeigt auch die Geschichte von Naomi, die uns Pastorin Christine Erb-Kanzleiter berichtet:
Es ist Freitagmorgen und in der Peace Church in München klingelt das Telefon. Naomi ist am anderen Ende der Leitung, eine nigerianische Asylbewerberin, die wir seit Tagen suchen. Naomi hatte vor ca. einer Woche von der Ausländerbehörde der Regierung von Oberbayern, Abteilung Asylverfahren den Bescheid bekommen, dass sie nach Niederbayern verlegt werden soll. Sie ist hochschwanger, der Geburtstermin lag nur noch 14 Tage entfernt. Naomi besorgte ein ärztliches Attest, das ihre Reiseunfähigkeit bescheinigt. Ein Beamter der Ausländerbehörde allerdings ließ sich telefonisch von einem anderen Arzt des Klinikums bestätigen, dass die Frau reisen könne, nur kein Gepäck tragen dürfe. Der Reisetag festgelegt und Naomi taucht unter. Alle Bemühungen, an Naomi heran zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen, sind erfolglos. Sie bleibt verschwunden. Eine Woche später dann ruft sie an. Ihre Freundinnen hätten ihr gesagt, die Pastorin der Peace Church suche sie. Sie habe jetzt keinen Ort mehr, wo sie hingehen könne, und in die Erstaufnahmeeinrichtung ließe man sie auch nicht mehr rein.
Ich frage Naomi, wo sie sei, und bitte sie, zu mir ins Büro zu kommen. Während Naomi auf dem Weg ist, rufe ich bei der Ausländerbehörde an, habe Glück und erwische sofort den zuständigen Beamten. Ja, Naomi müsse verlegt werden, daran sei nichts zu ändern. Nein, auch der Arztbrief nutze nichts. Dass Naomi allerdings nicht im Zug reisen sollte, versteht er und willigt ein, dass sie noch 3 weitere Tage wieder in die Unterkunft aufgenommen werden soll, bis ein engagierter Mensch sie im Auto mit Sack und Pack ins niederbayerische Dorf bringen könne. Zusammen mit Naomi fahre ich in die Unterkunft, um wieder einzuchecken. Das wird zu einer sehr demütigenden Erfahrung für uns beide. Wir müssen unbegründet lange warten, man redet nicht mit uns, füllt im Zeitlupentempo die notwendigen Papiere aus, muss ein neues Foto von Naomi machen, und fragt sie währenddessen barsch, ob sie noch nie einen Fotoapparat gesehen habe. Ein Mitarbeiter der Hausverwaltung versucht, die Situation zu entspannen, aber sein Schutz währt nur so lange, bis sich seine Bürotür schließt. Dann stehen wir beide wieder da und warten. Naomi muss sich setzen - Tränen in den Augen… Warum die Männer sie so behandeln? Warum sie überhaupt so weit fort müsse in ihrem Zustand? - Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Fragen, die mich nur stumm und betroffen machen und zutiefst beschämen. Naomis Gepäck, das sie im Haus eingestellt hat, als sie damals ausgecheckt ist, weil sie es beim besten Willen nicht tragen konnte, ist nicht mehr aufzufinden. Sie bricht schier zusammen. Da ist alles drin, was sie besitzt. Sie hatte, als sie ging, nur eine kleine Tasche mitnehmen können… Ich beruhige sie und verspreche, dieses Problem am Montag zu lösen. Als alles unterschrieben ist, wird uns eine Zimmernummer genannt. Naomi bekommt einen Kissenbezug, in den steckt der Beamte wortlos eine Decke und einen Überzug, eine Packung Vollkornbrot, eine Rolle Klopapier und ein Proviantpaket. Naomi will das schon gar nicht haben, so demütigend ist es. Aber ich halte die Tüte fest in der Hand und steuere auf das zugewiesene Zimmer zu. Es ist menschenleer, 8 Etagenbetten, eine verlassene Tasche, und jede Menge Müll. Hier kann sie nicht bleiben.
Ohne ein weiteres Wort kehren wir der ekligen Behausung den Rücken zu und verlassen das Haus. Naomi wird bis Montag in der Kirche wohnen, und dann von jemandem aus der Gemeinde in die neue Unterkunft gebracht werden. Dann sind es genau noch 6 Tage bis zum berechneten Geburtstermin.
Solche Geschichten erlebt die Peace Church im Schnitt jede 2. Woche. Dass die Menschen dort die Kraft nicht ausgeht, hat u.a. damit zu tun, dass die Gemeinde- glieder sich mit ihrem Engagement ganz nah bei Jesu' Art zu leben, und auf dem Boden der Sozialen Grundsätze ihrer Kirche wissen: Wir stehen ein für die Überwindung von Ungerechtigkeit und Not. (…) Wir sind bereit, mit den Benachteiligten unsere Lebensmöglichkeiten zu teilen. Wir sehen darin eine Antwort auf Gottes Liebe.
Die Unterstützung des Frauenwerkes soll helfen, dieses Projekt aufrecht zu erhalten.
Bitte überweisen Sie Ihre Spende mit dem Stichwort Migrantinnen auf das Konto des Frauenwerks:
- KontoNr. 416 215,
- BLZ 520 604 10,
- Evangelische Kreditgenossenschaft eG, Stuttgart





