Zweifel und Glaube
Zweifel und Glaube – Glauben im Zweifel
Wer sehnt sich nicht nach einem gewissen Glauben? Einem Glauben, bei dem alles an seinem richtigen Platz ist, in dem ich mich rundherum wohl fühle. Wo ich mich von Gott angenommen weiß, meinen Auftrag kenne, meine Gaben als besonderes Geschenk von Gott an mich erkenne und sie einsetze. Dort, wo mein Leben geprägt ist von Hingabe und ich aus dem Vollen schöpfen kann und sehe, wie Frucht bringt, was Gott mir anvertraut hat?
Zeiten des Zweifels
Aber so ist es in meinem Glauben nicht immer. Es gibt Durststrecken. Es gibt Fragen. Es gibt Dinge, die nicht zusammenpassen. Es gibt lose Enden, Zweifel, ob ich das so, wie ich es sehe, richtig sehe. Und es gibt die Zeiten zwischen beidem – zwischen Gewissheit und Zweifel. Zeiten, in denen alles seinen Gang geht. Wenn es schon eine Weile her ist, seit ich ganz neue Klarheit in meiner Berufung gefunden hatte, meine Gaben entdeckt sind, ich weiß, was ich kann, es einsetze. Aber irgendwann schleicht sich Lustlosigkeit ein, ein Unbehagen, Müdigkeit, Kraftlosigkeit ...
Was hat das mit Zweifel zu tun? Mein Körper und meine Seele haben begonnen, an der Richtigkeit dessen, was ich glaube und tue, zu zweifeln. Erst wenn ich meinen Gefühlen nachspüre und nachsinne, entdecke ich die Frage, die Körper und Seele schon seit einiger Zeit stellen: Ist das noch der Auftrag, den Gott dir gegeben hat? Ist das sein Weg, den du da gehst? Bist du mit ihm so fest verbunden, wie du es sein willst? Zweifel eben... Notwendiger Zweifel, der durchlebt zu neuer Gewissheit im Glauben und Handeln führen will. Der aber durchlebt werden muss.
Mit dem Zweifel taucht immer auch die Angst vor Veränderung auf. Habe ich den Zweifel erst einmal zugelassen, muss ich alle die Dinge auf den Prüfstand stellen, die ich als bisherige Kon- stante betrachtet habe. Radikaler Zweifel ist anstrengend, verwirrend und manchmal auch irreführend. Und in ihm liegt die Gefahr zu verlieren, was ich gerne bewahren möchte.
Regeln für Zeiten des Zweifels
Ich habe mir deswegen für Zeiten des Zweifelns Regeln auferlegt, die mir helfen sollen, gut durch solche Zeiten zu kommen. Vielleicht sind sie auch hilfreich für andere.
- Gottes Liebe zu mir steht nie zur Disposition!
- Die Frage, worum es geht, muss mir klar werden. Ich bete fragend und hörend.
- Je schneller ich bereit bin, bisher fixierte Dinge loszulassen, desto eher bekomme ich Neues geschenkt.
- Ich lasse mir Zeit. Ich muss nicht über Nacht neue Gewissheit finden.
- Ich sperre auch unliebsame Gefühle nicht aus.
- Ich bleibe mir selbst und Gott gegenüber wach.
- Ich spreche nicht mit anderen über Konsequenzen, solange ich keine neue Klarheit habe (Ich habe nämlich schon viel Verwirrung bei anderen gestiftet, wenn ich laut über mögliche Konsequenzen nachgedacht habe). Aber ich suche mir Menschen, die meine offenen Fragen auch offen begleiten können.
- Wenn ich an fünf aufeinanderfolgenden Nächten zum gleichen Ergebnis komme, handle ich. Dann spreche ich auch mit anderen darüber.
- Ich schiebe Entscheidungen nicht vor mir her.
- Ich vertraue darauf, dass Gott Wunder tut. Das heißt: Ich erwarte, dass Dinge, die mir als nicht machbar erscheinen, durch die Tatsache, dass Gott sie will, machbar werden. Nicht, weil ich es kann, sondern weil Gott es wirkt.
- Ich vertraue darauf, dass Gott mich trägt, wenn ich scheitern sollte.
Was ist Zweifel?
Vielleicht sagen Sie jetzt, das sind doch gar keine Zweifel. Zweifel sind, wenn ich nicht an die Jungfrauengeburt glauben kann; wenn ich die unterschiedliche Aussagen über Gott in der Bibel für mich nicht in einem einheitlichen, klaren Bild sehen kann. Zweifel ist, wenn ich nicht mehr glauben kann, dass Gott mich liebt, oder gar, dass es Gott überhaupt gibt.
Egal, wie man Zweifel definiert: Ich denke, jeglicher Zweifel hat Ursachen, die in meinem Denken und in meinen Bedürfnissen nach Klarheit, Sicherheit und Wahrheit begründet liegen. Zweifel sind die Wachstumsschmerzen des Glaubens, habe ich einmal gehört. Ich zweifle immer dort, wo mein Glaube wachsen muss, damit ich in meiner Beziehung zu Christus echt sein kann. Sperre ich den Zweifel aus meiner Beziehung zu Christus aus, sperre ich mich selbst aus dieser Beziehung aus, lebe nur noch einen Scheinglauben.
Im Neuen Testament wird oft vom Kleinglauben gesprochen. Glaube, der Gott nicht viel zutraut. Es geht um Unglauben, wie bei Thomas, dem Jesus sagt: Sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Der Wortstamm „diakrinein“, den wir im Griechischen vorfinden, kann sowohl mit Unglauben (Röm 4, 20) als auch kritische Aufgabe der Auslegung und damit der Unterscheidung der Geister (1. Kor 12, 10) verstanden werden. Das macht die Spannung deutlich, um die es beim Zweifel geht. Der Zweifel öffnet mich für neue Erkenntnisse, neue Gotteserkenntnisse. Er hilft, die Geister zu scheiden, aber im Zweifeln liegt auch die Gefahr des Kleinglaubens, des Mangels an Vertrauen, ja des Unglaubens. Und wer im Zweifeln stecken bleibt, bleibt im Klein- oder Unglauben stecken.
Umgang mit dem Zweifel
Im Gespräch mit Christinnen und Christen in den Gemeinden, mit denen ich gemeinsam unterwegs bin, habe ich bei Gesprächen über Zweifel immer wieder zur Antwort bekommen: Früher durfte man in der Gemeinde nicht sagen, dass man etwas so nicht glauben kann. Wer zugegeben hat, dass er Zweifel hat, galt als Ungläubiger. Wie aber soll unser Glaube wachsen können, wenn wir ihm dazu keine Chance lassen, wenn stimmen muss, was immer gestimmt hat?
Ich bin froh, dass ich nicht mehr so glaube, wie ich es als Kind getan habe. Dass die offenen Fragen und vorläufigen Antworten meiner Kindertage in vielen Fällen neue Antworten gefunden haben, die ich durch Zweifel hindurch geschenkt bekommen habe. Aber gerade im Zweifel darf ich glauben wie ein Kind: Ich muss nicht selber die Antworten haben, ich darf fragen. Ich darf alte Wege verlassen, alte Verhaltensmuster in Frage stellen. Ich darf vertrauen, dass Gott mir gibt, was ich mir nicht selbst geben kann. Ich darf loslassen, weil ich weiß, dass Gott mich hält. Ich darf in dieser Offenheit leben. Darum ist es wichtig, in Phasen des Zweifelns nicht auch an Gottes Möglichkeiten zu zweifeln, daran, dass er uns Antworten geben und Wege zeigen kann und wird. Das meint es, nicht kleingläubig zu sein. Nicht unsere Fragen sind das Problem, sondern unser Mangel an Vertrauen in Gottes Möglichkeiten, uns Antworten auf unsere offenen Fragen zu geben.
Wer hingegen die Existenz Gottes gleich mit anzweifelt, bringt sich in ein Dilemma, das auch die Philosophie nicht gelöst hat. Der radikale Zweifel, der Erfahrungen und Erkenntnisse nur dann akzeptiert, wenn zweifelsfreie Beweise vorgelegt werden können, führt ins Nichts. Wir können die Existenz Gottes nicht beweisen, so wie wir viele andere Dinge auch nicht beweisen können, die wir wahrnehmen. Wir brauchen Vertrauen / Glauben, um leben und zweifeln zu können ohne zu verzweifeln.
Manchmal kann aber die Angst vor der Ungewissheit so groß werden, dass wir das, was wir einmal geglaubt haben, lieber festhalten wollen, auch wenn tief in uns drin schon der Zweifel nagt. Wir suchen dann in festen Regeln, Formen und Glaubenssätzen nach der Sicherheit, die uns in unserer inneren Glaubensgewissheit fehlt. Vertrauen wird dann durch Befolgen von Regeln und Vorschriften ersetzt. Und wir sperren die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, erneut unter das knechtische Joch, wie Paulus es ausdrückt. Aber wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!
Achtung, Fanatismusgefahr!
Wo wir diese Ängste spüren, ob bei uns selbst oder bei anderen, sollten wir achtsam sein. Hier lauert nicht fester Glaube, sondern in letzter Konsequenz Fanatismus. Aldous Huxley hat einmal gesagt: „Ein Fanatiker ist – in psychologischen Begriffen definiert – ein Mensch, der bewusst einen geheimen Zweifel überkompensiert.“
Es ist also im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich, Zweifel nicht zuzulassen. Wer also weder verzweifeln noch fanatisch werden will, muss notwendiger Weise Zweifel zulassen. Und dann ist es gut in einer Gemeinschaft zu leben, die den Mut hat, diese Zweifel mit auszuhalten, ohne vorschnelle Antworten zu erzwingen. Es braucht Menschen, die die Gewissheit haben, dass Gott uns mit all unseren Zweifeln in seiner Liebe hält.
Meine Hoffnung
Nein, mein Glaube ist nicht über Zweifel erhaben. Mein Glaube ist im Zweifeln geborgen, auch dann, wenn ich das für einen Moment nicht erlebe. Und sollte ich einmal die Krankheit des großen Verzweifelns, Depressionen, bekommen, hoffe ich, dass Gott auch dann Wege findet, mir zu zeigen, wie er mich hält, mir Menschen an die Seite stellt, die nicht aufhören, für mich zu glauben und in seinem Auftrag mich sein Halten spüren zu lassen. Ich selbst werde dann sicher radikaler fragen, meine Regeln über den Haufen werfen, an Gottes Liebe zu mir zweifeln. Ich werde dann neue Dinge finden müssen, an die ich mich halten kann, die mir greifbar und fest genug erscheinen, so wie Luther sich sein „Ich bin getauft!“ aufgeschrieben hat. Hoffentlich bin ich dann eines Tages wieder gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist (Röm 8, 38).
Regine Stoltze
Mülheim a.d. Ruhr
Pastorin
