Wer sagt , was schön ist?
Lange Haare und glatte Haut
Die Figur auf der Titelseite stammt aus dem 3D-Animations-Film „Rapunzel – Neu Verföhnt“ (siehe Seite 25) von Walt Disney. Die böse Hexe aus Grimms Märchen ist im Animationsfilm eine attraktive Frau, die Angst hat, mit dem Alter ihre Schönheit zu verlieren. Mit Rapunzels Wunderhaaren kann sie sich ihre Jugend und damit ihre Attraktivität bewahren. Deshalb hält sie das Mädchen in einem Turm gefangen (Bild unten). Ohne Rapunzel wird „Mutter Gothel“ grau und runzelig. Weil sie sich nur auf den Erhalt ihrer eigenen Schönheit konzentriert, ist sie blind für die Bedürfnisse anderer. Kann äußerliche Schönheit und Makellosigkeit so wichtig sein? Wenn man einen Menschen zum ersten Mal sieht, weiß man nichts über seine Gaben und Fähigkeiten, seine Intelligenz oder seine Kreativität. Man steckt ihn ungewollt und unbewusst zunächst in eine Schublade. Deshalb ist es sicherlich nützlich, wenn man selbst auf sein Äußeres achtet und nach Möglichkeit seine positiven Merkmale betont.
Perfektes Aussehen
Es gibt zwar so etwas wie „objektive“ Schönheit: Perfekte Proportionen und Maße, wie etwa ein schmales Gesicht und eine hohe Stirn.
Auch makellose Haut und volle Lippen empfinden die meisten Menschen als attraktiv. Doch eine Redewendung sagt: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Während die einen beispielsweise dunkle Locken bevorzugen, gefallen anderen glatte, blonde Haare besser. Eine Frau ist nicht attraktiv und begehrenswert, wenn sie „cool“ auftritt oder Idealmaße hat, sondern wenn sie mit ihren Makeln Frieden geschlossen hat, wenn sie lachen kann, lebendig, wach und präsent ist, Lebensfreude versprüht und gut zuhören kann.
Ein angenehmes Äußeres kann Türen öffnen. Aber das Interesse am Gegenüber, das Leuchten in den Augen, wenn man dem anderen begegnet, stiftet Beziehung – egal ob sie oder er dem aktuellen Schönheitsideal entspricht oder nicht.
Schönheit wird jedoch nicht nur mit den Augen wahrgenommen, sondern vor allem mit dem Herzen. So kann man Schönheit auch erleben, wo man sie nicht erwartet, etwa beim Besuch im Krankenhaus: Da ist beispielsweise eine ältere Dame. Sie hatte sich stets schick gekleidet, die Haare perfekt geföhnt und wirkte stark und oft unnahbar. Durch eine lebensbedrohliche Krankheit ist sie plötzlich in ihrer letzten Lebensphase angelangt. Nun kann sie sich nicht mehr stylen. Trotzdem erscheint sie da auf ihrem Krankenbett schöner als zuvor: abgemagert und faltig, aber mit leuchtenden Augen, zugewandt und strahlend vor Freude über den Besuch.
Man sieht nur mit dem
Herzen gut, das
Wesentliche ist für
die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry
Schönheit ist relativ
Zur subjektiven Schönheit gehört auch die Beziehung zu den Menschen, die man betrachtet. Je mehr man einen Menschen schätzt und liebt, desto attraktiver erscheint er einem. Fast jede Mutter findet ihr Baby wunderschön, egal wie es aussieht, ob mit dichtem Haarschopf oder ganz kahl, ob zierlich oder kräftig, ob blass oder mit dunklem Teint. Sogar ein Kind mit Down-Syndrom, das freudestrahlend auf einen zuläuft, ist schön – nicht nur in den Augen seiner Mutter.
Bei Menschen, die man mag, ist das Aussehen unwichtig. Die Augen der Liebe sehen nicht nur das Äußere, auch innere Schönheit wirkt anziehend. Wer sich geliebt und angenommen weiß, wird auch eine positive Ausstrahlung bekommen. Deshalb sind auch Verliebte so schön. Sie haben ein nahezu unwiderstehliches Strahlen in ihren Augen.
Aber auch wenn man in dem anderen einen von Gott geliebten Menschen sieht, wird man ihm mit einem interessierten und liebevollen Ausdruck im Gesicht begegnen. Man sieht einem Menschen an, ob er sich über die Begegnung freut. Das macht ihn schön, denn seine Augen strahlen erwartungsvoll, seine Gesichtszüge sind entspannt.
Ausstrahlung und Verhalten
Die Designer der Charaktere in 3D-Animationsfilmen basteln lange daran, eine bestimmte Ausstrahlung ihrer Figuren zu erreichen. Das ist in diesem Film überzeugend gelungen, vor allem wenn man es mit früheren 3D-Animationsfilmen vergleicht. Aber auch die besonders unattraktiven Figuren im Film, etwa die garstigen Strolche in der Kneipe (Abbildung rechts oben), werden dem Zuschauer bald sympathisch: Denn Rapunzel lässt sich von deren Äußerem nicht abschrecken, sondern begegnet ihnen ohne Vorurteile, fragt sie nach ihren Träumen und nimmt ihre Gaben und Fähigkeiten wahr. Sie bringt ihnen Interesse und Offenheit entgegen und ermöglicht ihnen dadurch, auch ihrerseits ihre Talente zu entdecken und schließlich anderen zu helfen. Der Zuschauer stellt fest: Nicht die schöne Hexe ist liebenswert, sondern gerade die hässlichen Figuren. Und am Ende des Films braucht auch Rapunzel nicht mehr ihre lange blonde Mähne, damit sie hübsch und attraktiv wirkt. Schönheit ist eben relativ!

Iris Marie Hahn
Augsburg
Diplomdesignerin

Jeder ist etwas Besonderes, auch
wenn er äußerlich nicht dem Schönheitsideal
entspricht: Rapunzels
Zuwendung macht aus den
hässlichen Gesellen im Film
interessante und liebenswerte
Gefährten.
Fotos: Disney Enterprises
