Was ist schön?
Äußere Schönheit. Diese zwei Worte lösen positive Gefühle aus und beflügeln unsere Phantasie. Im folgenden Abriss soll es um Aspekte der Schönheit in Philosophie und Kunst gehen.
Schönheit im Wandel der Zeiten
In der Ausstellung „Was ist schön?“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden wurden die Besucher zum Nachdenken über die Funktion von Schönheit in der Gesellschaft und für den Einzelnen angeregt. Sie wurden aber auch über plastische Chirurgie, Tätowierungen, Faltenbeseitigung und Fettabsaugen informiert. Das schöne Aussehen ist zum wichtigen Bestandteil der Identität des modernen Menschen geworden. In der Ausstellung konnte der Eindruck gewonnen werden, dass Schönheit heute fast ausschließlich eine Sache der Mode, der Werbung und der Kosmetikindustrie geworden ist.
Doch Schönheit kann meines Erachtens nicht auf diese Aspekte reduziert werden. Sie sollte auch weiterhin Ausdruck eines ästhetischen und künstlerischen Gestaltungswillens, also ein Spiel mit Formen, Farben und Materialien bleiben. Schönheit und das Streben nach ihr sind aus dem Leben und aus der Kunst nicht wegzudenken.
Peter Paul Rubens: Die drei Grazien, 1639
Schönheit im Ebenmaß
Um unserm Denken diesbezüglich auf die Spur zu kommen, habe ich bei Konrad Paul Liessmann* nachgelesen, und einige „Bausteine“ der philosophischen Ästhetik, die unser heutiges Denken über Schönheit prägen, zusammengestellt:
Schon Pythagoras (570 bis 510 vor Chr.) wusste um die Grundlage harmonischer Zahlenverhältnisse in den Bereichen der Musik, der Malerei, der Architektur, der Mathematik und der Geometrie.
Im Dialog „Timaios“ des Philosophen Platon (*428/427 vor Chr. bis † 348/347 v. Chr.) heißt es: „Alles Gute nun ist schön, und was schön ist, entbehrt nicht des richtigen Maßes. Demnach darf auch ein lebendes Wesen, wenn man ihm Schönheit zusprechen soll, des Ebenmaßes nicht entbehren“. Nach Auffassung des polnischen Äs- thetikers Tatarkiwicz galt von der Antike bis zur Renaissance die platonsche „Große Theorie“ des Schönen. Mit dieser versuchte Platon die objektiven Kriterien – zum Beispiel Proportionalität, Harmonie und Symmetrie – zu bestimmen, die das Schöne ausmachen. Gleichzeitig aber stand das Schöne in enger Verbindung zum Wahren und moralisch Guten. Für Platon war Schönheit etwas Objektives und nicht dem subjektiven Belieben überlassen.
Schönheit und Lebendigkeit
Der spätantike griechische Philosoph Plotin (205 – 270) erweiterte die antike Proportionslehre des Schönen. Er meinte, dass in der sinnlichen Wahrnehmung des Schönen auch der Geist angesprochen würde. Er sei es, der den Dingen Glanz und Schönheit verleihe. Plotin bringt außerdem die Schönheit der Seele mit der Dimension der Lebendigkeit in Verbindung.
Das Lebendige ist für ihn erstrebenswerter, weil es eine Seele hat, und diese wiederum vom „Licht des Guten“ gefärbt ist. Sie kann den Glanz des Schönen auch dort erscheinen lassen, wo nach der reinen Proportionenund Symmetrielehre das Ebenmaß fehlt. Im Zentrum des Schönheitsbegriffs der Renaissance stand auch die Lehre von den richtigen Proportionen. Grundlage dafür waren beispielsweise die „Zehn Bücher über die Architektur“ von Vitruv, einem römischen Ingenieur und Architekten des ersten Jahrhunderts vor Christus. Diese Abhandlungen über die Baukunst waren immer bekannt gewesen, ihre große Bedeutung entfalteten sie aber erst in der Renaissance. Vitruvs „Anwendung der Proportionenlehre auf den wohlgeformten Körper des Menschen“ inspirierte zahlreiche Künstler wie Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci.
Schönheit und Liebe
Eine weitere Akzentuierung der klassischen Schönheitskonzeption findet sich bei Marsilio Ficino (1433 – 1499). Aus seiner Sicht ist Schönheit ein geistiges Prinzip, das als Wurzel für die Sehnsucht nach dem Schönen gelten kann. Diese Sehnsucht nach dem Schönen sei die Liebe. Das von dieser Liebe begehrte Schöne sei auch das sittlich Gute. Die ursprüngliche antike Einheit des Guten und Schönen gewinnt dadurch wieder an Bedeutung.
Der vitruvianische Mensch, Leonardo da Vinci (1492)
Schönheit als göttliches Kunstwerk
Die „große Theorie“ des Schönen erlebte im 17. Jahrhundert einen letzten großen Nachklang in der Philosophie von Gottfried Wilhelm Leibnitz. Seine Formel machte Philosophiegeschichte. Er nennt die Hypothese, nach der alle Substanzen einerseits ihren eigenen Gesetzen folgen, andererseits aber mit allem anderen übereinstimmen, eine durch ein „göttliches Kunststück“ geschaffene „prästabilierte Harmonie“. Die Harmonie in der Welt muss nicht erst hergestellt werden, sondern ist von Anfang an festgelegt. So wie zum Beispiel Musik gefällt und zu einem „Vergnügen der Sinne“ führt, „obwohl ihre Schönheit ‚nur‘ in Übereinstimmungen von Zählen und Abzählen von Takten oder Schwingungen der tönenden Körper besteht“, erlaubt die Erkenntnis der prästabilierten Harmonie eine „interessenlose“ Liebe zu Gott. Wenn man das Vergnügen betrachtet, das diese Liebe spendet, ohne auf den Nutzen zu achten, den sie hervorbringt, dann erlangt man einen sinnlichen Vorgeschmack auf eine zukünftige Glückseligkeit. Wenn auch Gott in seiner Unendlichkeit niemals gänzlich erkannt werden kann. Für Leibnitz ist das Schöne Ausdruck einer göttlich geordneten Welt. Im 18. Jahrhundert verlor die „Große Theorie“ dann ihre Gültigkeit.
Rialtobrücke in Venedig:
In Platons Theorie des Schönen spielen Proportionalität,
Harmonie und Symmetrie eine wichtige Rolle.
Foto: Birgit Winter, Pixelio
Schönheit ist subjektiv
Man glaubte, dass statt Vernunft und Intellekt die Sinne selbst die Erfahrung des Schönen festlegen. Der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) hat diese Wende so bezeichnet: „Schönheit ist keine Eigenschaft, die den Dingen an sich selbst zukommt, sie existiert lediglich im Geiste dessen, der die Dinge betrachtet.“ Damit wird Schönheit subjektiv. Populär wurde dieser Gedanke mit dem oft zitierten Sinnspruch: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“.

Birgit Härtel
Leipzig
Diplomdesignerin
