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Beobachtungen

Statement aus dem persönlichen Umfeld

Was erlebe ich im Umgang mit alten Menschen im Bezug auf das Thema “Alter annehmen? Wertschätzung und Würde des Alters in meinem Umfeld? Was kann ich lernen?“ Gerade bin ich bei einem großen Jubiläumswochenende in meiner alten Gemeinde gewesen. Alle sind 30 Jahre älter geworden. Viele sind bereits gestorben; viele kennen mich nicht mehr und ich sie auch nicht. Ein paar Beobachtungen möchte ich hier wiedergeben:

Da sah ich die, die so richtig “in sich ruhen”, sie müssen keinem beweisen, wie fit sie noch sind und was sie noch alles können. Sie nehmen ihr Alter an und leben frei nach dem Prediger Salomo, der sinngemäß sagte: Alles hat seine Zeit, die Jugend und das Alter, das Aufbrechen und Warten, das Annehmen und Loslassen, das Aufstehen und Ausruhen. Sie stehen zu ihrer Gebrechlichkeit, zu ihrem langsameren Tempo und sie stehen zu ihren Defiziten, vielleicht auch zu ihrer Schwerhörigkeit. Da sah ich die, die scheinbar nur 20 oder 15 Jahre älter geworden sind. Ihr Fit-Sein gehört zu ihnen, sie trainieren ihren Geist in der Theatergruppe, gehen zur Gymnastik und fahren Fahrrad, lernen eine neue Sprache, gehen mit dem Computer um, schreiben Gedichte und engagieren sich ehrenamtlich. Doch da gibt es auch solche, die ihr Alter nicht annehmen können. Sie singen mit 80 Jahren Sopran im Kirchenchor, färben ihre Haare und wundern sich, dass ihre Kinder bald 50 sind. Da gibt es die, die nicht loslassen können, die schon jahrelang ihre Ämter und Aufgaben und ihre Pöstchen haben. Keine oder keiner ist so ehrlich, ihnen zu sagen, dass sie ihr Amt abgeben dürfen. So werden und wirken die Erinnerungen einer 85-Jährigen, die sich mit den bunten Blättern ihres Redemanuskripts total verzettelt, äußerst peinlich. Die Zuhörer reagieren mit Unruhe und manche verdrehen die Augen. Schade! Solche Menschen identifizieren sich leider nur über ihre Leistung. Sie meinen, nur etwas wert zu sein, wenn sie etwas leisten können. Sie fühlen sich nur wohl, wenn sie erzählen, was sie alles für die Gemeinde, ihre Kinder und Enkel, die Nachbarschaft und die Freunde tun, wenn die Nächte kurz sind und der Terminkalender voll. Je mehr Bewunderung sie bei ihren Erzählungen ernten, umso besser geht es ihnen.

Aber woher kommt diese Einstellung? Wurde diesen Personen etwa ihr Leben lang eingetrichtert: “Du bist nur etwas wert, wenn du etwas leistest”? Kann ich es mir heutzutage überhaupt leisten, alt zu werden? Kann ich es mir leisten, nichts mehr zu tun, oder bin ich dann nichts mehr wert, bin abgeschrieben, nicht mehr gefragt und werde vergessen?

Wie können wir mit alten Menschen so umgehen, dass sie sich wertvoll und würdig erleben? Ich denke, indem sie merken, ihr Rat ist gefragt. Indem sie merken, sie können am Leben der Kinder und Enkel Anteil nehmen. Indem sie merken, sie werden ernst genommen, sie können ihre Erinnerungen an den Mann bringen, auch wenn sie eine Episode am Tag vielleicht dreimal erzählen. Oder liegt die Ursache nicht schon viel früher? Haben diese Personen gelernt, sich selbst anzunehmen? “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”, sagte Jesus.

Ich muss mich mit allen Stärken und Schwächen zunächst einmal selbst annehmen und dann kann ich auch mit den Stärken und Schwächen der anderen umgehen, dann kann ich einem älteren Menschen Respekt und Wertschätzung entgegenbringen, auch wenn er keine Feste mehr gestalten, keine Strümpfe mehr stricken und kein Quittengelee mehr kochen kann. Er ist wertvoll, in seiner Person, aus seinem gelebten Leben heraus.

Ich wünsche uns, dass wir uns so liebevoll begegnen und uns in allen Lebensphasen als Kinder Gottes annehmen können.


Cornelie Hecke
Murrhardt
Altenpflegerin
und Pastorenfrau

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