Carpe diem - Nutze den Tag!
Statement aus der Gemeindearbeit
Auch in unseren Gemeinden stellen wir denselben Trend fest, den die demographische Entwicklung in unserem Land zeigt. Die Zahl der älteren Menschen hat im Vergleich zu den jüngeren zugenommen und wird immer noch zunehmen. Dies stellt uns vor große Aufgaben, zumal wir in unserer Gesellschaft und leider auch manchmal in den Gemeinden einen “Jugendwahn” beobachten - und das bei gleichzeitiger Abwertung und Entwürdigung des Alters. Daher sollte eine vordringliche Aufgabe in unseren Gemeinden sein, diesem Denken Einhalt zu gebieten. Wir müssen deutlich machen, dass das Alter fundamental zum Leben gehört und dass es eine der zentralen Aufgaben des Menschseins ist, sich dem Prozess des Alterns zu stellen.
Wir sollten unsere Senioren auch nicht ausgrenzen, sondern immer versuchen, sie mit anderen Gruppen zusammenzubringen. Schön könnte ich mir vorstellen, unsere Kinder und Jugendlichen manchmal mit ins Programm der Seniorenkreise aufzunehmen. Sie könnten zum Beispiel musikalische Beiträge einbringen, sich an der Dekoration des Raumes beteiligen oder beim Bedienen an der Kaffeetafel helfen. Bestimmt würden beide Altersgruppen davon profitieren. Außerdem könnte man Ältere bitten, von früher zu erzählen - das wünschen sich zum Beispiel meine Enkelkinder öfters von mir. Denn gerade da, wo die Generationen aufeinander treffen, kann man beobachten, dass man mit viel Respekt miteinander umgeht. In unseren Gemeinden haben wir teilweise sehr rüstige und fähige ältere Menschen, die wir motivieren sollten, sich nach ihren Möglichkeiten in den Seniorenkreisen einzubringen.
Ich denke nicht, dass wir mehr Seniorenkreise in unseren Gemeinden brauchen, sondern mehr Mitarbeitende aus allen Altersgruppen. Dies würde die Programme vielgestaltiger machen und die mitarbeitenden, älteren Geschwister würden durch ihre Aktivität für sich selbst profitieren. Gute Erfahrungen habe ich auch mit ehrenamtlichen Tätigkeiten älterer Menschen gemacht, die sich in Besuchs- oder Begleitdiensten in Pflegeheimen oder bei nicht mehr mobilen Gemeindegliedern einbringen. Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten in Pflegeheimen, aber auch in Hospizdiensten, werden in hohem Maße von Menschen jenseits der beruflichen Tätigkeit geleistet. Diese Arbeit ist sehr wichtig, zumal unser Sozialsystem in Zukunft nicht mehr ohne ehrenamtliche Tätigkeit bezahlbar sein wird. In aller Regel geschieht diese Arbeit auf ökumenischer Ebene, funktioniert an der Basis recht gut und fördert außerdem die zwischenkirchlichen Beziehungen.
Wichtig ist außerdem, die körperliche Beweglichkeit bei Älteren zu unterstützen, denn diese trägt auch zur Förderung der geistigen Beweglichkeit bei. Dies könnte in gymnastischen Übungen, Spaziergängen und kleineren Wanderungen geschehen, wobei immer versucht werden sollte, möglichst alle Teilnehmenden zu integrieren. Ähnliches gilt auch für regelmäßiges Gedächtnistraining. Programmpunkte, die in unseren Seniorenkreisen nicht fehlen sollten, sind Bibelbetrachtungen, Andachten, Gebete und das Singen alter und neuer Lieder. Ein anderes wichtiges Thema für unsere Älteren liegt mir am Herzen. Wir sollten ihnen zeigen, wie sie mit Leid, Krankheit oder schwerer Behinderung leben und umgehen lernen, wie sie dankbar und zufrieden leben können. Wenn junge Menschen sehen, wie Ältere trotz Krankheit und oft schwerer Behinderung dankbar und zufrieden sind, können sie für die Jungen zum Segen werden. Ebenso wichtig finde ich, ältere Menschen zu motivieren, die Begrenztheit des Lebens anzunehmen und eine positive Einstellung zu ihrer eigenen Endlichkeit zu bekommen. Dies lässt sie scheinbar Wichtiges als nebensächlich betrachten, gibt den Blick frei für das Wesentliche und trägt auch zu ihrer Würde bei. Ich wünsche uns, dass das “memento mori” (Bedenke, dass du sterblich bist) zu einem intensiveren Leben führt - zu einer Haltung des “carpe diem” (Nutze den Tag) für Junge und für Ältere.
TIPP: An der Theologischen Hochschule Reutlingen sind Gaststudentinnen und -studenten, auch “älteren Semesters”, gerne willkommen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass ein “Seniorenstudium” für alle Beteiligten ein Gewinn ist. Je nach Interessenlage und Zeitbudget können entweder einzelne Lehrveranstaltungen besucht oder ein reguläres Studienprogramm absolviert werden. Nähere Informationen unter www.th-reutlingen.de oder Telefon: 07121 92590
Dr. Karin Schlagenhauf
Balingen-Frommern
Laienpredigerin

