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Das Leben vor sich bringen - Glaube im Alter

Statement einer Religionspädagogin

Das Leben hält viele Herausforderungen bereit, es steckt voller Entwicklungsmöglichkeiten und -aufgaben. Was den Glauben eines Menschen anbelangt, so werden die Schwerpunkte bei den Möglichkeiten und Aufgaben einer Glaubensentwicklung auf Kindheit und Jugendalter gelegt.

Besonders in diesen jungen Jahren gilt es, den Glauben des Menschen zu begleiten, zu fördern, zu unterstützen, Chancen wahrzunehmen und Risiken für die Glaubensentwicklung zu minimieren. Dies ist gut und richtig so; gleichwohl endet das Leben ja nicht mit dem Erreichen des Erwachsenenalters, vielmehr warten lebenslang Herausforderungen, Entwicklungsmöglichkeiten und -aufgaben auf den Menschen, auch und gerade im Alter, auch und gerade, was den Glauben des alten Menschen anbelangt.

Der alte Mensch hat das Leben hinter sich gebracht, er ist beinahe am Ende seines Lebens angekommen; die noch zu erwartende Lebenszeit ist kurz, zumindest ist sie überschaubar. Dabei gehört es zum Menschen, zu jedem Menschen, auch zum alten, dass er auf Zukunft hin ausgerichtet ist, dass er sich und sein Leben entwirft über die Gegenwart hinaus, dass er kommende Zeit gestalten, planen und erleben will. Altgewordene haben aber in der Zukunft nur noch wenig Leben zu erwarten, vielmehr erwartet sie der Tod. Darum ist es eine Herausforderung für den alten Menschen, sich der Realität des nahenden Todes zu stellen und mit dieser zurechtzukommen, sie zu bewältigen, in das noch verbleibende Leben zu integrieren. So ist es eine notwendige Entwicklungsaufgabe im Alter, das gelebte, das hinter sich gebrachte Leben anzunehmen und im Letzten zu bejahen.

Der christliche Glaube hilft bei dieser unerlässlichen Entwicklungsarbeit, indem er die Hoffnung auf Rettung aus dem Tod, auf Vollendung des einzelnen Menschen und der ganzen Welt in sich trägt. Der alte Mensch erwartet dann seine Zukunft von Gott und hat somit nicht nur sein Leben hinter sich gebracht, sondern kann im Angesicht Gottes sein gelebtes Leben auch vor sich bringen. Das Leben vor sich zu bringen bedeutet zum einen, das gelebte Leben, die Vergangenheit, zu bewältigen, es bedeutet aber auch, die Vergangenheit neu zu gestalten, im Licht der Liebe und Gnade Gottes betrachten zu können, einen versöhnten Blick auf Gewesenes werfen zu dürfen und vorsich zu sehen. Diese Annahme des gelebten Lebens durch den Alternden darf allerdings nicht damit erkauft werden, dass das Fragmentarische, das Bruchstückhafte und Widersprüchliche übersehen und Schuld übergangen wird. Die Abgründe der menschlichen Existenz können gerade im Angesicht des Todes nicht verharmlost werden.

So gilt es im Alter, das hinter sich gebrachte Leben vor sich selbst zu bringen als von Gott gewolltes und bejahtes, als liebevoll begleitetes Leben, das zu Ende gehen und in die liebevollen Hände Gottes eingehen wird mit allem Gelungenen und Sinnhaften, mit allem Misslungenen und Sinnlosen, mit allen gemeisterten Herausforderungen und angenommenen Chancen, mit allem Versagen und Verfehlen. Gleichgültig, ob wir unser gelebtes Leben als das berühmte “halb volle” oder “halb leere” Glas betrachten und empfinden mögen, Gott wird es ganz sicher randvoll machen.

Dass diese Haltung des alten Menschen im Glauben gelingen kann, ist Aufgabe des einzelnen Menschen; sie kann unterstützt werden durch Familie und Gemeinde - und ist letztlich Geschenk Gottes.


Claudia Schlenker
Tübingen
Diplom-Theologin
Theologische Hochschule
Reutlingen

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