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Aufbruch im Alter

Älterwerden, Altwerden ist eigentlich selbstverständlich und doch tun wir uns oft schwer, die neue Situation anzunehmen. So wie früher kann ich dieses und jenes nicht mehr. Ich bin nicht mehr so schnell, ich sehe und höre nicht mehr so gut. Die Liste kann fortgesetzt werden. Und dennoch, dieses Leben muss ich nicht einfach hinnehmen, ich darf es ganz neu e r l e b e n, meine Erfahrungen machen. Ich brauche mich nicht an den Grenzen zu stoßen, ich darf auch im Alter an Gottes Wertschätzung festhalten. “Du bist wert geachtet in meinen Augen” (Jesaja 43, 4). Und dann merke ich, ich kann aufbrechen; ja, ich werde zu neuen Aufbrüchen gedrängt.

Ein sehr wichtiger Schritt aufzubrechen, Neues zu wagen, ist für mich, dass ich Ja sage zu meiner Situation, dass ich mich freue, dieses und jenes noch zu können, eben dass ich meine Perspektive ändere. Ähnlich haben es Abraham und seine Frau Sara erfahren. Eingebunden in einen Familienverband, umsorgt, behütet, versorgt, lebten sie ihr Leben zuversichtlich und geborgen, auch in ihrem Älterwerden. Da hat Abraham der Ruf Gottes erreicht, aufzubrechen: “Geh aus deiner Heimat und aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in ein Land, das ich dir zeigen will… Und ich will dich segnen” (1. Mose 12, 1 ff).

Das Gewohnte hinter sich zu lassen, mit Gott unterwegs zu sein, bedeutet zu allen Zeiten des Lebens Aufbruch aus dem bisherigen und gewohnten Leben, bedeutet Trennung, Lösung von Bindungen und Ansehen, Verhaltensweisen und festgefahrenem Gedankengut. Abraham hat die Entscheidung getroffen, bekannte Wege verlassen und sich auf neue Wege und auf Neues eingelassen. Er war bereit, den Weg zu gehen, den Gott führen will. “Da zog Abraham aus, wie der Herr ihm gesagt hatte” (1.Mose 12,4). Bei Abraham erlebe ich: Wo im Glauben aufgebrochen wird, verändert sich das Leben. Die Menschen um Abraham haben das sicher auch festgestellt. Etwas Unerhörtes ist da geschehen. Da geht einer ins Ungewisse. Was er seither hatte, das war gewiss. Was Gott ihm verheißt, ist ungewiss. Wie es ihm mit Gott gehen wird, ist nicht abzuschätzen. Und dennoch, Abraham bricht auf. Er vertraut Gott. Er macht sich mit seinem ganzen Leben an Gottes Wort fest. Und genau das ist es auch, was ihm bleibt, was ihm zum Halt wird. Der erste Schritt vom Hören zum Tun ist der Entscheidende. So ist gelebter Glaube. In der Erwartung, dass Gott zu seinem Versprechen steht und im Hoffen auf die Zuverlässigkeit Gottes, bricht Abraham auf und wagt Schritte ins Unbekannte.

Abraham hat sicher seine Grundhaltung zum Lebensalltag geändert und die neue Lage begriffen. Ich wünsche, dass wir das auch begreifen. Dann verstehen wir: Zur neuen Situation gehören auch neue Maßstäbe. Alte, liebgewordene Verhaltensweisen sind zu verlassen. Was bisher Lebensinhalt war, ist loszulassen. Vielfach verunsichert das, lässt uns schwanken. Dann aber werden wir frei für das, was Gott vorgesehen hat, was wir tun können und was in die neue Lebenssituation hineinpasst. Obwohl bei Abraham auch immer Schwächen und Rückfälle in seiner Lebensführung festzustellen sind, kann ich bei ihm lernen, was es heißt, mit Gott neu aufzubrechen, mit Gott unterwegs zu sein, an Gott festzuhalten und ihm zu vertrauen, Neues zu wagen, neue Aufgaben in Angriff zu nehmen. Auch ich mache mich erneut an der Zusage unseres Herrn fest. Ich glaube ihr. Ich bekunde mein wiedergefundenes Vertrauen und breche immer neu auf in meinem Alter in der Gewissheit, der Gott und Vater Jesu Christi, der mich gerufen und beauftragt hat, der mir Verheißungen zugesagt hat, der wird mich nicht verlassen. Gott lässt das angefangene Werk nicht einfach liegen. Es darf weiter geführt und vollendet werden. Der geistliche Neubeginn Abrahams ist nicht durch eine Fülle von Aktivitäten gekennzeichnet, sondern indem Sünden überwunden, Vergebung erfahren und Gehorsam gelebt wird. Mit dem Liederdichter will ich “Schritte wagen im Vertraun auf einen guten Weg”.


Gertrud Michelmann

Gertrud Michelmann
Gründau
Pastorin i. R.

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