Andacht
Hanna - eine alte Frau mit klarem Blick
Wie gern hätte ich diese Hanna kennen gelernt, von der wir im Lukasevangelium (2, 36 - 38) lesen können! Eine alte Frau von 84 Jahren - ein sehr hohes Alter für die Zeit, in der sie lebte. Es war kein leichtes Leben, nur sieben Jahre war sie verheiratet gewesen, dann starb ihr Mann.
Viele Jahrzehnte lebte sie nun schon als Witwe und war darüber sehr alt geworden. Hatte ihr Leben damit seinen Sinn verloren? Lebte sie nur in Erinnerungen und im Rückblick auf vergangene Zeiten?
Keineswegs - ihr Leben hatte eine neue Ausrichtung bekommen und sie hatte eine neue, sie ganz ausfüllende Aufgabe gefunden. Wir lesen: “Sie verließ den Tempel nie, weil sie Tag und Nacht Gott diente mit Fasten und Beten.” Ihr Leben war erfüllt vom Gebet, vom Reden zuGott und vom Hören auf seine Stimme. Darüber wurde sie zur Botin Gottes, zu einer Frau, der Gott seine Pläne offenbaren und die sie anderen weitersagen konnte. Sie wird deshalb eine Prophetin genannt, eine, die den Ruf Gottes gehört hat, zur Ruferin wird und seine Botschaft weitergibt. Eine ungewöhnliche Frau! Sie ist voller Hoffnung. Sie rechnet damit, dass Gott sein Volk erlösen wird und sie erkennt in dem kleinen Kind Jesus, das seine Eltern in den Tempel bringen, den verheißenen Erlöser. Darum kann sie nicht schweigen sondern gibt diese gute Nachricht weiter an die Menschen, die auf das Ein-greifen Gottes warten und stärkt ihre Hoffnung.
Hanna fasziniert mich: Ein Leben im Gebet, im Hören auf Gott und Reden mit ihm, im Eintreten für die Anliegen der Mitmenschen, den Auftrag der Gemeinde und Kirche und die Nöte der Welt - eine notwendige Aufgabe und ein sinnvolles Leben, nicht nur, aber gerade auch im Alter. Jetzt hätte ich eigentlich mehr Zeit dazu, manche Verpflichtungen sind weggefallen, für anderes habe ich nicht mehr ausreichend Kräfte. Trotzdem ist es für mich bei aller Einsicht immer wieder eine Herausforderung und ein Kampf, mir wirklich Zeit dafür zu nehmen.
Von Hanna heißt es: “Sie diente Gott mit F a s t e n und Beten.” Steckt hier ein Hinweis, bewusst auf Dinge und Beschäftigungen zu verzichten, um dem Gebet Vorrang zu geben? Für dieses Jahr 2010 haben christliche Gruppen und Initiativen die Anregung gegeben, es als ein “Jahr der Stille” zu begehen. Es ist eine Einladung, immer wieder Gelegenheiten zu suchen, um in der Stille zu uns selber zu finden, neu Gott zu begegnen, auf ihn zu hören, sein Wort zu lesen und alles, was uns bewegt, vor ihn zu bringen. Dadurch werden wir auch einen klaren Blick gewinnen, wie Gott uns gebrauchen will und für die Aufgaben, zu denen er uns ruft.
Zu diesen Aufgaben kann es auch gehören, mit anderen über Gott zu sprechen, sie auf Jesus Christus hinzuweisen und von dem zu erzählen, was wir in unserem Leben mit Gott erfahren haben. Dabei ist ganz entscheidend wichtig, dass wir zuerst auf sie selber und ihre Fragen hören, damit unser Reden ihnen helfen kann. Wie viele Menschen sehnen sich danach, dass jemand bereit ist, ihnen zuzuhören!
So können wir uns von Hanna anregen lassen, in allen Situationen unseres Lebens auf Gott zu vertrauen in der Gewissheit, dass wir in seiner Hand sind und er unser Leben führt und ihm Hoffnung und Sinn gibt, seine Gemeinschaft suchen und anderen von ihm weitersagen. Wir sind nie zu alt, um darin noch zu wachsen und dürfen gespannt sein, welche Überraschungen Gott noch für uns bereit hält.
Ute Minor
Berlin
Pastorin i.R.

